„Glaubt an die Vernunft“

23.10.2019

„Glaubt an die Vernunft“

Interview mit Prof. Johannes Buchmann

Ein Netzwerker, Manager, Forscher und Lehrer geht: Professor Johannes Buchmann, Kryptographie-Experte am Fachbereich Informatik der TU, hat das Forschungsprofil der TU wesentlich geprägt. Morgen verabschiedet er sich mit einer Abschiedsvorlesung in den Ruhestand. Im Interview blickt er zurück auf Beruf und Berufung und die Relevanz seiner Forschungsdisziplin.

Bilder: Katrin Binner – © Katrin Binner
Bilder: Katrin Binner

TU Darmstadt: Was ist in Ihrer Zeit an der TU besonders gelungen?

Prof. Buchmann: Cybersicherheitsforschung ist an der TU Darmstadt ein wichtiges Forschungsgebiet geworden. Dazu konnte ich einiges beitragen. Ich war der erste, der sich hier damit befasst hat. Und es ist, glaube ich, ganz gut gelungen, mein Thema „Langfristig sichere Kryptographie – von den Grundlagen bis zu international eingesetzten Anwendungen“ zu entwickeln. Dem ist ja auch der von mir initiierte Sonderforschungsbereich CROSSING gewidmet. Es braucht immer Menschen, die sagen: Ich nehme mich eines Projekts an, ich ziehe hier etwas auf. Und ich habe da wohl eine gewisse Fähigkeit, Themen zu setzen und bin hier auf offene Ohren gestoßen.

Ist die Cybersicherheitsforschung in Hessen und Darmstadt gut aufgestellt?

Ja, das ist sie. Wir gehören zu international herausragenden Zentren und dazu hat die TU Darmstadt sehr wesentlich beigetragen. Die LOEWE-Anschubförderung des Landes hat dabei sehr geholfen. Bis jetzt verstetigt das Land diese Förderung aber nur in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Das genügt offensichtlich nicht. Das Land muss auch die an den Hochschulen entstandenen hervorragenden Schwerpunkte dauerhaft unterstützen – nicht zuletzt damit Hessen in zukünftigen Exzellenzwettbewerben erfolgreich ist.

Wie sind Sie zur Kryptographie gekommen?

Ich habe zunächst reine Mathematik gemacht, Zahlentheorie. Dann habe ich das Gebiet der algorithmischen Zahlentheorie mitentwickeln können. Wir haben Computer, die sich damals dramatisch entwickelten, in der Zahlentheorie eingesetzt. Ein heißes Thema zu der Zeit. Das Problem war nur, dass manche traditionellen Mathematiker das nicht mochten. Sie hatten große Vorbehalte, weil es die Reinheit der Mathematik beschädigte.

Eine Sache ist mir immer zu Gute gekommen: Ich bin relativ kontaktfreudig. Ich habe Professor Hugh Williams in Kanada besucht, mit dem ich viel gearbeitet habe und der mir pragmatisch sagte: „Johannes, wenn du etwas werden willst, musst du Kryptographie machen.“ So bin ich aus strategischen und aus inhaltlichen Gründen dazu gekommen – wie schön, dass ich etwas machen kann, das mathematisch interessant ist und das man anwenden kann.

Das Thema ist heute aktueller denn je. Ist Kryptographieforschung ein Wettlauf, den keine Seite gewinnen kann?

Ein klares Ja! Ich glaube, wenn es darum geht, Sicherheit zu erzeugen, müssen Sie immer darauf gefasst sein, dass Ihre Gegnerinnen und Gegner aufrüsten. Und das heißt, Sie werden sich bis ans Ende der Welt mit der Frage beschäftigen, wie wir uns absichern können. Wir müssen immer wieder neu entscheiden: Was wollen wir schützen, und wie machen wir das?

Zur Frage, was man schützen möchte … Sie haben in Darmstadt immer Wert auf den Aspekt „Privatsphäre schützen“ gelegt. Wie haben Sie das ausgefüllt?

Ich habe versucht mich an unterschiedlichen Diskursen zu beteiligen, wie man heute sagt. Da gab es den technischen Diskurs, aber auch das Thema „Was sind die Ziele, wie ändert sich die Gesellschaft und damit das, was man schützen will?“ Mir ist wichtig, dass man von ideologischen Positionen wegkommt. Privatsphäre um jeden Preis ist unrealistisch. Wir müssen miteinander darüber nachdenken, was realistische Ziele sind. Menschen haben unterschiedliche Optimierungsziele – sie möchten zum Beispiel Google Translator im Ausland nutzen – und wünschen gleichzeitig Privatheit. Das ist nicht leicht aufzulösen.

Wenn Sie von „Gegnern“ sprechen, sind das insbesondere im Postquantum-Zeitalter keine kleinen Hacker, sondern Staaten oder große Einrichtungen, die die Ressourcen haben, Quantencomputer zu betreiben. Ist es für Sie eine politische Motivation, sich an der Kryptographieforschung zu beteiligen oder einfach eine sportliche Herausforderung?

Es geht mir schon darum, die Gesellschaft zu schützen. Mich interessiert die Forschung natürlich auch aus einer spielerischen Motivation, aber auch aus politischer und gesellschaftlicher Sicht.

Zum Beruf eines Professors gehört neben der Forschung auch die Lehre – was hat Ihnen das bedeutet?

Wenn ich eine gut vorbereitete Vorlesung halte, macht mich das richtig glücklich. Ich habe es immer für meine Aufgabe gehalten, Leuten etwas zu erklären, und ich glaube, dass ich das auch ganz gut kann. Ich kann dazu beitragen, dass Leute etwas verstehen, und das gibt mir wiederum Energie zurück.

Sie koordinieren das neue Leopoldina-Projekt „Demokratie und Digitalisierung“. Worum geht es?

Vor einigen Jahren hat man gedacht, die Digitalisierung könnte die Demokratie enorm unterstützen, indem die Vernetzung auf digitalen Plattformen Menschen in den Stand versetzt, Demokratien zu entwickeln. Dann kam der Gegenschlag. Die Art, wie wir heute kommunizieren, führt auch zu einem vergifteten Diskurs, bei dem Demokratiegegner gewinnen. Wir haben eine Demokratiekrise. Wir wollen im Projekt schauen, ob ein Zusammenhang mit der Digitalisierung besteht und was die Chancen sind, partizipatorische Formen wieder zum Leben zu erwecken.

Welche drei Botschaften werden Sie bei Ihrer Abschlussvorlesung anbringen?

Das verrate ich nicht vorher (schmunzelt). Aber davon unabhängig … (überlegt) Erstens: Glaubt an Eure Vernunft. Wendet sie an. Zweitens: Unterrichten kann man lernen. Drittens: Aus Zusammenarbeit kann ein echter Mehrwert entstehen.

Die Fragen stellte Silke Paradowski

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