Wer programmiert die Welt?

Projekt #CodeHeldin mit Franziska-Braun-Preis ausgezeichnet

2026/05/22

Neue Technologien prägen unseren Alltag und die Arbeitswelt. Ihre Entwicklung erfolgt jedoch häufig aus männlicher Perspektive, denn Frauen sind im Informatikstudium und in Informatikberufen unterrepräsentiert. Um das zu ändern, setzt das Team #CodeHeldin vom Fachbereich Informatik der TU Darmstadt auf eine besondere Erkenntnis: Mädchen entwickeln verstärkt Interesse an Informatik, wenn Technologie als Werkzeug für soziale Problemlösungen präsentiert wird. Mit diesem Wissen wurde ein Workshop für die Entwicklung einer App konzipiert, der sich gezielt an Mädchen richtet. Das Vorhaben ist nun mit dem Franziska-Braun-Preis für Gleichstellung ausgezeichnet worden. Das Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro wird für die erste Umsetzung verwendet

Entwickelt wurde der Workshop von drei Wissenschaftlerinnen am Fachbereich Informatik: Dr. Isabella Graßl, Gastprofessorin für „Gender-MINT for Computer Science“, Dr. Svana Esche, tätig als Postdoc im Bereich Fachdidaktik und Nadja Geisler, Doktorandin vom Fachgebiet Daten- und AI-Systeme (DAI), die alle das Interesse an zielgruppengerechter Vermittlung von Informatik teilen.

„In unserer Arbeit am Fachbereich haben wir immer wieder gesehen, dass viele junge Frauen sich nicht angesprochen fühlen oder Berührungsängste haben, wenn es um Informatik und Technologie geht – aufgrund bestehender soziokultureller Stereotype“, sagt Graßl. Die Idee für #CodeHeldin entstand aus dem Wunsch, genau das zu verändern.

„Wir wollten ein Format schaffen, das aufzeigt, dass Informatik kreativ, gesellschaftsnah und zugänglich ist“, sagt Esche. „Daher war unser Wunsch ein Workshopformat, in dem nicht nur zum Beispiel ein Spiel programmiert wird, sondern in dem eigene Ideen technisch entwickelt werden können, die gesellschaftlich etwas bewirken können.“

Prof.'in Dr. Isabella Graßl,
Fachbereich Informatik, TU Darmstadt

Mehr Diversität bedeutet, dass dann unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse, Blickwinkel und Ideen in die Entwicklung einfließen. Das macht Technologien nicht nur gerechter, sondern oft auch besser und nutzerfreundlicher für alle.

Bild: Simona Kehl

App-Prototyp entwickeln

Herzstück von #CodeHeldin ist ein dreitägiger Workshop für etwa 150 Teilnehmende in Teams von vier bis fünf Personen, bei dem ein funktionsfähiger App-Prototyp entwickelt werden soll. „Mit dem Workshop wollen wir gezielt weibliche und nicht-binäre Jugendliche ab 15 Jahren für die Schnittstelle von kreativer App-Entwicklung, Künstlicher Intelligenz und sozialem Unternehmertum begeistern“, sagt Geisler. Das Ziel liege dabei bewusst nicht in einer vollständig ausgereiften technischen Lösung, sondern in der kreativen Ideenentwicklung und deren erster Umsetzung.

Die Teilnehmenden wählen lokale oder globale gesellschaftliche Herausforderungen, beispielsweise Verkehrsprobleme in Darmstadt, Klimaschutz im Rhein-Main-Gebiet oder soziale Isolation im digitalen Zeitalter, und entwickeln dafür informatische Lösungsansätze. Diese Verknüpfung nutzt die belegte Präferenz von Mädchen für sozial relevante Themen und demonstriert gleichzeitig die gesellschaftliche Relevanz der Informatik.

Neben dem Geschlechteraspekt liegt ein weiterer Fokus auf einer Kooperation mit Realschulen und Brennpunktschulen im Rhein-Main-Gebiet. „Viele Jugendliche zeigen Interesse und Talent für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, erhalten jedoch wenig Zugang zu entsprechenden Angeboten“, heißt es in der Projektskizze. Die kostenfreie Teilnahme beseitige finanzielle Barrieren und ermögliche echte Chancengleichheit im Sinne der Diversitätsstrategie der TU Darmstadt.

Nadja Geisler: Informatik ist heute in enorm vielen Bereichen unseres Alltags präsent. Wenn diese Systeme überwiegend von einer sehr ähnlichen Gruppe von Menschen entwickelt werden, spiegeln sie eben auch vor allem deren Perspektiven wider.

Isabella Graßl: Mehr Diversität bedeutet, dass dann unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse, Blickwinkel und Ideen in die Entwicklung einfließen. Das macht Technologien nicht nur gerechter, sondern oft auch besser und nutzerfreundlicher für alle.

Ein bekanntes Beispiel: Sprachassistenten oder Gesichtserkennungssysteme haben in der Vergangenheit bei Frauen oder Menschen mit dunklerer Hautfarbe häufiger Fehler gemacht. Der Grund war unter anderem, dass sie mit unausgewogenen Daten entwickelt wurden. Hätten vielfältigere Teams daran gearbeitet, wären solche Probleme wahrscheinlich früher erkannt und vermieden worden.

Svana Esche: Mehr Frauen und generell mehr Diversität in der Informatik bedeutet also auch: mehr Menschen gestalten aktiv unsere digitale Zukunft mit und sorgen dafür, dass sie für alle funktioniert, nicht nur für einige wenige.

Projekte wie #CodeHeldin schlagen Brücken zwischen Universität und Gesellschaft. Sie inspirieren Mädchen dazu, gemeinschaftlich Welt sinnvoll zu verändern. Die innovative Technik wird zum Hilfsmittel und technische Fähigkeiten werden im Zuge kreativer Prozesse erworben. Das begeistert mich.

Prof.'in Dr. Petra Grell, Vizepräsidentin für Akademische Karrieren und Diversität

Die Jury hat besonders überzeugt, dass das Projekt Schülerinnen darin bestärkt, Informatik als gesellschaftlich relevante und gestaltbare Disziplin zu erleben. KI werde dabei nicht als Ersatz für eigenes Denken verstanden, sondern als Werkzeug für kreative und reflektierte Problemlösung.

Das Preisgeld möchte das Tem nutzen, um den Workshop in den Sommerferien 2026 erstmalig durchzuführen. Die Preisträgerinnen werden den Workshop aktiv mitgestalten und auch selbst begleiten.

Perspektivisch kann das modulare Konzept auf andere Fachbereiche wie etwa Maschinenbau oder Elektrotechnik und Informationstechnik übertragen werden. Die entwickelten Materialien und Methoden stehen öffentlich zur Verfügung und können so als Blaupause dienen.

Über den Franziska-Braun-Preis

Der Franziska-Braun-Preis ist eine Auszeichnung innovativer Gleichstellungsansätze durch die Carlo und Karin Giersch-Stiftung an der TU Darmstadt. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis erinnert an Franziska Braun, die 1908 als erste Studentin an der TH Darmstadt immatrikuliert wurde. Mit der Auszeichnung werden alle zwei Jahre Best-Practice-Modelle prämiert, die Frauen für Studium, Forschung und Lehre an der TU Darmstadt gewinnen. Der Franziska-Braun-Preis wird nicht an Personen verliehen, sondern an Organisationseinheiten wie Fachbereiche, Institute oder an Personengruppen. Über die Preisvergabe entscheidet der Beirat zur Forschungsorientierten Gleichstellung.