Mit KI die Welt positiv verändern

Projekt #CodeHeldin zeigt Informatik als das, was sie wirklich ist: ein Werkzeug, um die Zukunft aktiv zu gestalten

19.08.2026 von

Vom 4. bis 6. August fand an der TU Darmstadt das Projekt #CodeHeldin des Fachbereichs Informatik statt. Das Thema: Wie können Schülerinnen und nicht-binäre Jugendliche mit KI die Welt positiv verändern? Unter der Leitung von Professorin Isabella Graßl, Dr. Svana Esche und Nadja Geisler (M.Sc.) entwickelten die Teilnehmenden eigene App-Ideen mithilfe von KI und Softwaredesign für verschiedene gesellschaftliche Herausforderungen.

In drei Tagen, einen eigenen App-Prototyp zu entwickeln, hört sich herausfordernd an. Insbesondere, wenn von den Jugendlichen keinerlei Vorkenntnisse erwartet werden. Doch die Ergebnisse auf den Computerbildschirmen der Teilnehmenden am letzten Tag des Workshops zeigen, dass der Plan der Lehrenden aufgeht.

„Am ersten Tag haben wir analog gearbeitet, mit Papier und Stift. Wir haben uns überlegt, was für eine App uns interessieren würde. Dazu haben wir uns die UN-Nachhaltigkeitsziele angesehen, damit die App auch etwas bringt und nicht nur ein nettes Gadget, also eine technische Spielerei, ist“, fasst eine Teilnehmerin zusammen. „Anhand unsere Interessen teilten wir uns in die Kleingruppen auf.“

Mittels Design-Thinking-Methoden, kreativen Werkzeugen und Arbeitsschritten, um Probleme zu lösen, sammelten die Kleingruppen dann Ideen für ihren App-Prototypen. Sie analysierten das Kernproblem ihrer Zielgruppe und überlegten, was ist die Kernlösung und wie lässt sie sich umsetzen. Zudem erstellten sie sogenannte Personas, fiktive Vertreter der Zielgruppe ihrer App, um herauszufinden, was die App können muss, damit sie für die Zielperson relevant ist.

Informatik ist kreativ

„Das analoge Arbeiten, etwa mit Postern und Haftnotizen, ist sehr kreativ. Die Teilnehmenden decken erst einmal den gesamten Problemhorizont ab. Also welche Probleme und welche Lösungen gibt es“ beschreibt Graßl die erste Phase. „An Tag zwei übersetzten sie die gefundene Lösung dann in den digitalen Prototypen.“

Dazu lernten die Jugendlichen das Design-Tool „Figma“ kennen. Eine professionelle Software für digitales Design und Prototyping, die auch viele Webentwicklerinnen und Webentwickler nutzen. „Wir haben uns ein Layout überlegt und welche Farben und Schriften gut passen könnten. Anschließend haben wir gemeinsam die ersten Seiten erstellt“, sagt eine weitere Teilnehmerin.

„Mithilfe von Figma lassen sich die analogen Ideen auf den Bildschirm bringen“, erklärt Graßl. „Die Jugendlichen können sich durch die einzelnen Seiten der App klicken, Links versenden und die Seiten auf ihrem Handy anschauen oder mit anderen Personen teilen, die die App dann testen.“

In dieser Phase musste die Gruppe viel miteinander kommunizieren: Löst unsere App das Kernproblem und ist die App intuitiv? Die Teilnehmenden mussten sich koordinieren über die Stimmigkeit des Designs und die Leserlichkeit der Schriften. Weitere Aspekte waren auch, ob die Kontraste stimmen und ob Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche die Farben unterscheiden können.

„Morgens und nachmittags gab es verschiedene Input-Sessions. Eine zu Design Thinking: Was ist das Problem und welche Schritte muss ich für die Lösung nacheinander gehen. Eine zum Design der App-Prototypen. Denn am Anfang steht nicht das Design der „Bildschirme“, sondern wir überlegen uns erst mal ein Farbschema. Zudem welche Formen und Schriftarten passen. Die Kleingruppen bauen nicht gleich das ganze System, sondern Seite für Seite“, sagt Professorin Graßl und ergänzt: „Auch zu den Themen Teamwork und Kommunikation gab es Info-Beiträge.“

Den richtigen Umgang mit KI trainieren

Die ersten eineinhalb Tage standen die eigenen innovativen und kreativen Ideen der Jugendlichen im Vordergrund. Erst am zweiten Nachmittag kam künstliche Intelligenz ins Spiel. Im Projekt #CodeHeldin wird Lumo verwendet, ein datenschutzfreundlicher KI-Chatbot, der kostenlos ist. „Die Jugendliche nutzen die KI zur Unterstützung und Recherche ihrer Zielgruppe. Sie fragten zum Beispiel: welche Herausforderungen haben Personen mit einer bestimmten Einschränkung oder Erkrankung“, schildert Graßl. „Gleichzeitig müssen sie entscheiden und überprüfen, stimmt das, was die KI sagt.“

Mit der gemeinsamen Abschluss-Präsentation endet der Workshop. Jede Kleingruppe stellt ihren App-Prototypen in einer kurzen, klaren und überzeugenden Präsentation, einem sogenannten Pitch, vor. „Es ist super, wenn die diversen Jugendlichen, die sich anfangs ja nicht kannten und sehr frei miteinander arbeiteten, ihr Ziel am Ende erreichen“, sagt Graßl.
Kollegin Esche bestätigt dies: „Es ist phantastisch, den eindrucksvollen Entwicklungsprozess in so einer kurzen Zeit zu sehen. Die Schülerinnen haben ihr kreatives Potenzial entfaltet und dabei eine Vielzahl ansprechender Apps entwickelt, die ihre Ideenkraft unter Beweis stellen. Ich war richtig stolz auf sie bei ihren Pitches.“ Kollegin Geisler fügt hinzu: „Es ist immer schön zu zu beobachten, wenn Menschen verstehen, dass Informatik nicht trocken und 'nur' analysierend ist, sondern kreativ und schaffend! “

Die drei Wissenschaftlerinnen sind sich einig: „Die Teilnehmerinnen erleben in unserem Projekt, dass Informatik kreativ ist und sie im Team tolle Lösungen für gesellschaftliche Probleme finden können. Auch wenn sie erst 15 Jahre alt sind, können sie an der digitalen Gesellschaft teilhaben. Zu erleben, wie jede der jungen Frauen ihre Interessen und ihre Stärken einbringt, ist toll.“

Das Projekt #CodeHeldin wurde im Mai 2026 mit dem Franziska-Braun-Preis ausgezeichnet.

Diese fünf tollen Projekte sind entstanden:

GreenMotivation: Eine App, die dabei hilft, im Alltag aktiver zu sein und weniger Zeit am Handy zu verbringen. Für erledigte Aufgaben können Punkte gesammelt werden, um die Motivation zu steigern. Unterstützt werden die User dabei von einem Bienen-Maskottchen, das beispielsweise beim Erledigen von To-dos hilft und auch Aktivitäten vorschlägt, die guttun, etwa einen Spaziergang.

DAfüralle: Eine App für mehr Barrierefreiheit in Darmstadt. User können beispielsweise Informationen darüber finden, wie barrierefrei Supermärkte oder andere Orte und wie die Lichtverhältnisse dort sind, besonders hilfreich etwa für Menschen auf dem Autismus-Spektrum. Zusätzlich gibt es Flashcards mit kurzen Sätzen wie „Ich muss mich zurückziehen“, die in Situationen helfen können, in denen das Sprechen schwerfällt.

Actus: Eine App, die verschiedene wichtige Funktionen des Alltags an einem Ort zusammenführt: Mood- und Schlaftracking, Gewohnheiten, einen Terminkalender und Periodentracking. Auch Aufgaben können direkt mit Terminen verknüpft werden, sodass man den Alltag und den eigenen Zyklus besser im Blick behalten kann.

ECOfriends: Eine App, die dabei hilft, etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Mit einem Scanner kann beispielsweise erkannt werden, ob ein Gegenstand aus Plastik, Metall, Papier oder Glas besteht. Bei einer Pfandflasche kann man sich entscheiden, ob man den Pfandbetrag selbst behalten oder an einen gemeinnützigen Verein spenden möchte.

DemoFinder: Eine App, mit der Demokratie aktiv gelebt werden kann. User können Demonstrationen anhand verschiedener Filter suchen und sich auf einer Karte anzeigen lassen, wo diese stattfinden. Ein KI-Assistent unterstützt zusätzlich bei der Suche nach passenden Demonstrationen.

Professorin Isabella Graßl

Seit März 2025 ist Dr. Isabella Graßl als erste Gender-MINT-Gastprofessorin für Informatik an der TU Darmstadt. Sie hat Bachelor-Abschlüsse in Internet Computing und in Sprach- und Textwissenschaften sowie Master-Abschlüsse in Informatik und Text- und Kultursemiotik an der Universität Passau erworben. Dort promovierte sie mit einer Arbeit über Diversität in der Programmierausbildung bevor sie als Research Associate an der University of Cambridge tätig war.

Dr. Svana Esche

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) unterstützt Dr. Svana Esche das Studiendekanat Informatik im Bereich Fachdidaktik. Esche studierte gymnasiales Lehramt für Informatik und Mathematik. Während ihrer Promotion an der TU Darmstadt beschäftigte sie sich intensiv damit, wie Anfängerinnen und Anfänger das Programmieren erlernen und wie Sprache sie dabei unterstützen kann. Neben ihrer Tätigkeit in Forschung und Grundlehre engagiert sich seit einigen Jahren im Gleichstellungsteam.

Nadja Geisler (M.Sc.)

An der TU Darmstadt erwarb Informatikerin Nadja Geisler einen Bachelor-Abschluss in Informatik, zudem zwei Master-Abschlüsse: Informatik mit dem Nebenfach Entrepreneurship und Innovation sowie Internet- und webbasierte Systeme. Im März 2020 nahm sie eine Tätigkeit in der Forschungsgruppe „Data and AI Systems“ unter der Leitung von Prof. Carsten Binnig auf. Dort arbeitet sie an ihrer Dissertation im Bereich der Erklärbarkeit / Interpretierbarkeit von Systemen des maschinellen Lernens.

Franziska-Braun-Preis

Der Franziska-Braun-Preis ist eine Auszeichnung innovativer Gleichstellungsansätze durch die Carlo und Karin Giersch-Stiftung an der TU Darmstadt. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis erinnert an Franziska Braun, die 1908 als erste Studentin an der TH Darmstadt immatrikuliert wurde.