Neu am Fachbereich: Prof. Dr. Michael Sedlmair
01.10.2026 von Die Fragen stellte Patrick Bal
Der Fachbereich begrüßt Michael Sedlmair als Professor für „Visual Computing“ am Fachbereich Informatik. Die Berufung erfolgte gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD – dort wird Sedlmair neben seiner Professur an der TU Darmstadt auch als Institutsleiter tätig sein.
Der 45-jährige Wissenschaftler kommt von der Universität Stuttgart nach Darmstadt. Den Aufbau einer eigenen international sichtbaren Forschungsgruppe an der Universität Stuttgart und seine dortige Berufung auf eine W3-Professur nennt Sedlmair als einen wichtigen wissenschaftlichen und beruflichen Meilenstein. Weitere Meilensteine sind Pionierarbeiten zu Situated Analytics, AR- und XR-Visualisierung, nachhaltige Community-Beiträge (VIS30K, vispubdata, Keyword-Analysen) sowie kontinuierliche Spitzenpublikationen und Best-Paper-Auszeichnungen in den führenden Venues des Fachgebiets
Wir haben Professor Sedlmair zum Start an der TU Darmstadt ein paar Fragen gestellt:
Warum sollten Studierende sich für Ihre Themen interessieren? Was ist das Spannende an Ihren Themen?
Visual Computing gehört für mich zu den spannendsten Bereichen der Informatik, weil es unglaublich vielfältig ist und gerade an vielen technologischen Umbrüchen beteiligt ist. Datenvisualisierung und Visual Analytics helfen uns, komplexe Zusammenhänge zu verstehen – gewissermaßen die Mikroskope und Teleskope der datengetriebenen Forschung und Entwicklung. Virtual und Augmented Reality (VR/AR) könnten unsere nächste Generation von Displays werden – vielleicht tragen wir alle früher oder später Smart-Glasses statt Smart-Phones. Computer Vision steckt hinter autonomen Fahrzeugen, medizinischer Bildanalyse oder Robotik, und Computergrafik sorgt dafür, dass virtueller Content überhaupt glaubwürdig aussieht. KI hat unsere Welt bereits verändert, Visual Computing bringt diese Intelligenz jetzt aus der rein textuellen Welt in die physische und visuelle Welt. Ich glaube, das wird eines der nächsten ganz großen Technologiethemen.
An der TU Darmstadt wird Interdisziplinarität großgeschrieben. Wo gibt es in Ihrem Arbeitsfeld Schnittstellen zu anderen Fachgebieten?
Eigentlich überall. Und genau das macht das Fach so spannend. Visual Computing verbindet Informatik mit ganz unterschiedlichen Disziplinen: Computer Vision mit Robotik oder Medizin, VR und AR mit Psychologie, Design oder Architektur, Computergrafik mit den Medienwissenschaften und Visualisierung mit praktisch allen Bereichen, in denen Daten entstehen. Gerade Visualisierung ist ein schönes Beispiel: Dort arbeiten wir gemeinsam mit Fachleuten aus Biologie, Ingenieurwissenschaften, Klimaforschung und vielen anderen Bereichen an Lösungen für ihre konkreten Fragestellungen. Ein großer Teil meiner Forschung bestand deshalb immer darin, solche interdisziplinären Projekte erfolgreich zu gestalten. Daraus ist unter anderem die Design Study Methodology entstanden – ein Ansatz, der beschreibt, wie Informatik und Anwendungsforschung gemeinsam bessere Lösungen entwickeln können.
In welchen Fachbereich der TU würden Sie gerne mal einen Tag schnuppern? Warum?
Am liebsten in alle, das ist ja einer der großen Vorteile einer Universität. Wenn ich spontan einen auswählen müsste, wären es wahrscheinlich die Bau- und Umweltingenieurwissenschaften. Dort geht es um einige der größten Herausforderungen unserer Zeit – vom nachhaltigen Bauen bis zum Klimawandel. Über den Exzellenzcluster IntCDC in Stuttgart bin ich mit diesem Bereich ohnehin schon eng verbunden, und ich würde mich freuen, diese Zusammenarbeit auch in Darmstadt weiter auszubauen. Ich bin überzeugt, dass gerade die Kombination aus Ingenieurwissenschaften und Informatik dort noch viele spannende Lösungen hervorbringen wird.
Wenn ich heute Student wäre, würde ich …
… wahrscheinlich wieder kurz überlegen, ob ich nicht doch Mathematik, Physik, Musik oder etwas ganz anderes studieren sollte – einfach weil es so viele spannende Fächer gibt. Aber ich würde ziemlich schnell wieder bei der Informatik landen. Für mich ist sie heute die Schlüsseltechnologie unserer Zeit. Kaum ein anderes Fach prägt Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft so stark und findet sich gleichzeitig in nahezu allen anderen Disziplinen wieder. Wer Informatik studiert, entscheidet sich deshalb nicht für ein einzelnes Anwendungsgebiet, sondern für ein Werkzeug, mit dem man in fast allen Bereichen etwas bewegen kann. Genau das hat mich damals begeistert – und das sehe ich heute mehr denn je.
Der beste Ausgleich zu einem stressigen Arbeitstag ist …
… ganz klar: Zeit mit meiner Familie – meiner Frau und unseren drei Kindern. Danach kommt Fahrradfahren, am liebsten draußen in der Natur und gerne mit ein paar Hügeln. Und Musik: Mit Freunden in der Band zu spielen ist einer der wenigen Momente, in denen ich garantiert nicht an die Uni denke. Zumindest fast nie (Randnotiz: wir machen auch Forschungsprojekte zur Kombination von Visualisierung und Musik).