Drei Wünsche für den Code

Die mächtigen KI-Systeme hinter dem Vibe Coding entstehen durch hochkomplexe Informatikkenntnisse

01.04.2026 von

Vibe Coding ist eine große Chance für die Gesellschaft! Aber nur mit einer starken Informatik werden wir die Werkzeuge wirklich beherrschen, statt von ihnen beherrscht zu werden.

Es gibt eine alte Erzählung aus „Tausendundeine Nacht.“ Aladin findet eine verstaubte Lampe, reibt sie und ein mächtiger Dschinni erscheint, bereit, jeden Wunsch zu erfüllen. So fühlt sich Vibe Coding an, das die Welt derzeit fundamental transformiert. Menschen instruieren einen Computer nicht mehr mühsam durch das Programmieren in formalen Sprachen, was er genau machen soll. Stattdessen beschreiben sie in natürlicher Sprache ihre Vision, ihre Intuition oder eben den „Vibe“ des gewünschten Ergebnisses, und ein KI-System schreibt den Code.

Antwort auf den demografischen Wandel

Das ist weit mehr als nur technische Spielerei. Es ist eine Antwort auf den demografischen Wandel. Angesichts des massiven Fachkräftemangels werden wir die digitale Transformation niemals allein mit klassischen Programmierer*innen bewältigen können. Digitale Projekte werden nicht mehr an fehlenden Entwicklerkapazitäten scheitern, sondern direkt vor Ort in Unternehmen, Behörden und Schulen umgesetzt.

Digitale Projekte werden nicht mehr an fehlenden Entwicklerkapazitäten scheitern, sondern direkt vor Ort in Unternehmen, Behörden und Schulen umgesetzt.

Doch genau hier kann die Faszination in eine Gefahr umschlagen. Die Dschinni-Geschichte kann auf zwei Arten verlaufen, je nachdem, wer wünscht. In der Horrorfilm-Variante ist das Wesen bösartig buchstabentreu. Wer sich “eine Million Euro” wünscht, stellt entsetzt fest, dass das Geld aus einem Bankraub stammt und die Polizei bereits vor der Tür steht. Der Dschinni erfüllt exakt das, was gesagt wurde, aber nicht das, was eigentlich gemeint war.

Vibe Coding ohne Informatik ist ein Horrorfilm

Vibe Coding ohne Informatik ist ein solcher Horrorfilm. Der Wünschende ist naiv und glaubt, dass die “Macht“ der KI allein genügt. Man bekommt einen Code, der funktioniert, bis er nicht mehr funktioniert. Man baut Systeme, die unter Last zusammenbrechen oder Nutzerdaten zugänglich machen. Um schnell fertig zu werden, wählt die KI vielleicht den einfachsten und nicht den besten Weg. Das muss später mit hohen Zinsen zurückgezahlt werden. Das System wird unwartbar, Erweiterungen werden unmöglich und am Ende bricht das gesamte Projekt unter seiner eigenen Komplexität zusammen.

Man muss den generierten Code lesen, bewerten und verstehen können

Vibe Coding mit Informatikkenntnissen hingegen ist Aladins Geschichte. Sie endet gut, weil Aladin lernt, klug zu wünschen. Er weiß genug über die Welt, um die Konsequenzen seiner Wünsche abzuschätzen. Genau hier liegt das Fundament einer modernen Informatikausbildung: Man muss den generierten Code lesen, bewerten und verstehen können. Wie der Pionier Edsger W. Dijkstra bemerkte: „[…] wenn es darum geht, die Vorzüge von Programmiersprachen zu bewerten, scheinen manche immer noch die „Einfachheit der Programmierung“ mit der Leichtigkeit gleichzusetzen, mit der man Fehler machen kann, die unentdeckt bleiben". Ohne formale Ausbildung fehlt das Werkzeug, um Fehler zu erkennen.

Die mächtigen KI-Systeme hinter dem Vibe Coding entstehen nicht durch Wünsche, sondern durch hochkomplexe Informatikkenntnisse.

Und ohne Informatik gibt es keine Dschinnis. Es braucht uns Informatiker, um den Dschinni überhaupt erst zu programmieren. Die mächtigen KI-Systeme hinter dem Vibe Coding entstehen nicht durch Wünsche, sondern durch hochkomplexe Informatikkenntnisse. Kurzum, während Vibe Coding es vielen ermöglicht, die Lampe zu nutzen, braucht die Gesellschaft weiterhin Informatiker, die die „Magie“ der Lampe erst konstruieren und ihre Sicherheit gewährleisten. Nur so bleiben wir Meister der Wunderlampe.

Prof. Dr. Kristian Kersting

Kristian Kersting ist Professor für Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen am Fachbereich Informatik der TU Darmstadt und leitet dort das AIML Lab. Seit 2022 leitet er zudem die Forschungsabteilung „Foundations of Systems AI" am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Darmstadt. Er ist Gründungs-Co-Direktor des Hessischen Zentrums für Künstliche Intelligenz (hessian.ai). Unter anderem ist er Co-Sprecher Exzellenzcluster Reasonable AI und Mitglied des Exzellenzclusters The Adaptive Mind sowie der ELLIS Unit Darmstadt.

Kersting studierte und promovierte an der Universität Freiburg (2006), forschte anschließend am MIT, beim Fraunhofer IAIS, an der Universität Bonn und der TU Dortmund, bevor er 2017 an die TU Darmstadt berufen wurde. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in statistischer relationaler KI, neuro-symbolischer KI sowie probabilistischem maschinellen Lernen.

Er ist Fellow der AAAI, EurAI, ELLIS und AAIA, erhielt 2019 den inaugural Deutschen KI-Preis (dotiert mit 100.000 €) und veröffentlichte über 200 wissenschaftliche Fachbeiträge.

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