Warum KI die Informatik nicht verdrängt

In der Informatik ging es schon immer darum, den Abstraktionsgrad zu erhöhen, um das Programmieren produktiver zu machen

25.03.2026 von

In den letzten Monaten hat sich eine neue Meinung verbreitet: KI werde die Informatik „verschlingen“. Die Argumentation scheint einfach zu sein: Wenn KI Code aus natürlicher Sprache generieren kann, wozu brauchen wir dann noch Informatiker? Diese Sichtweise verkennt jedoch einen grundlegenden Punkt. In der Informatik ging es schon immer darum, den Abstraktionsgrad zu erhöhen, um das Programmieren produktiver zu machen.

KI macht Informatik unverzichtbarer denn je

Die Informatik wird also keineswegs verdrängt. Im Gegenteil: Wir erleben gerade eine Phase der Beschleunigung. Vom frühen Maschinencode bis hin zu modernen Hochsprachen hat jeder Schritt die Anweisung von Computern vereinfacht. KI ist lediglich der jüngste Schritt in dieser langen Entwicklung. Doch gesteigerte Produktivität hat den Bedarf an Fachwissen nie beseitigt – sie hat ihn vielmehr verstärkt.

Auch wenn KI Code generieren kann, muss dennoch jemand entscheiden, ob dieser Code korrekt, effizient, sicher und zuverlässig ist.

Da die Softwareentwicklung immer schneller und zugänglicher wird, wird der Bedarf an fundiertem Fachwissen noch zunehmen. Auch wenn KI Code generieren kann, muss dennoch jemand entscheiden, ob dieser Code korrekt, effizient, sicher und zuverlässig ist. Ohne dieses Verständnis bleibt KI-generierter Code eine Blackbox, die Benutzer versuchen zu „überzeugen“ , anstatt sie wirklich zu kontrollieren. Die tatsächlichen Vorteile von KI-generiertem Code können nur von Personen verlässlich genutzt werden, die über fundierte Informatikkenntnisse verfügen.

Viele neue Anwendungsbereiche durch KI

Außerdem entstehen gerade durch die KI viele neue Anwendungsbereiche. Wir können spezialisierte Softwarelösungen jetzt auch dort entwickeln, wo sich der Aufwand früher nicht gelohnt hätte – etwa weil der Markt zu klein war. Inzwischen ist es zunehmend sinnvoll, Software sogar für Aufgaben zu erstellen, die nur einmalig anfallen, da die Umsetzung deutlich schneller und effizienter geworden ist. Ein weiterer Vorteil: Auch die in Deutschland traditionell starken kleinen und mittleren Unternehmen können zukünftig mit einem kleinen Entwicklungsteam Projekte umsetzen, die früher nur Großunternehmen stemmen konnten.

Gleichzeitig ist es unwahrscheinlich, dass das Programmieren ausschließlich mittels natürlicher Sprache das endgültige Paradigma sein wird. Viele haben bereits erlebt, wie ineffizient es sein kann, Eingabeaufforderungen immer wieder zu verfeinern, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Natürliche Sprache ist von Natur aus mehrdeutig, während komplexe Systeme Präzision erfordern.

Die Zukunft der Programmierung wird natürliche Sprache mit klassischen, formalen Methoden verbinden. Dieser hybride Ansatz wird fundierte Informatikkenntnisse erfordern.

Die Zukunft des Programmierens wird daher natürliche Sprache mit klassischen, formalen Methoden kombinieren, also dem, was wir heute als Programmiersprachen kennen. Dieser hybride Ansatz wird fundiertes Informatikwissen voraussetzen, statt es zu ersetzen.

Aktueller Wandel stellt viele etablierte Prinzipien infrage

KI ermöglicht zudem einen wichtigen Wandel in unserer Sichtweise auf Software. Traditionell ist Software statisch: Sie führt genau die Vorgänge aus, für deren Ausführung sie explizit programmiert wurde. KI-gesteuerte Systeme hingegen können anpassungsfähig werden – sie ermöglichen flexiblere, menschenähnliche Interaktionen und lassen Abweichungen zu, die nie explizit vordefiniert wurden.

Dieser Wandel stellt jedoch viele etablierte Prinzipien infrage. Beispielsweise geht klassisches Testen von einem festen Verhalten aus, während sich adaptive Systeme im Laufe der Zeit weiterentwickeln können. Die Gewährleistung von Korrektheit, Zuverlässigkeit und Vertrauen in solche Systeme ist wesentlich komplexer und erfordert neue Fortschritte in der Informatik.

Informatikkenntnisse werden daher gerade auch in einer KI-geprägten Welt relevant sein. Entscheidend ist aber, wie wir die Informatik-Fähigkeiten von Studierenden und auch Informatik an sich weiterentwickeln, um das volle Potenzial dieser Technologie verantwortungsvoll auszuschöpfen.

Prof. Dr. Carsten Binnig

Carsten Binnig leitet als LOEWE-Spitzenprofessor das Fachgebiet Daten und KI -Systeme und ist aktuell Dekan am Fachbereich Informatik. Nach seiner Promotion an der Universität Heidelberg forschte er zunächst als Postdoc an der ETH Zürich. Anschließend verbrachte er mehrere Jahre in der Industrie als Software-Architekt bei SAP bevor er 2014 an die renommierte Brown Universität in die USA ging.

Binnig ist unter anderem Principial Investigator am Hessischen Zentrum für Künstliche Intelligenz hessian.AI und dem Exzellenzcluster Reasonable AI an der TU Darmstadt. Er leitet zudem den Forschungsbereich Systemische KI für Entscheidungsunterstützung am Darmstädter Standort des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz DFKI.

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